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„Warendorf, Stadt an der Ems, Du dreimal Bewahrte, Freundlich grüßt mich Dein Bild früh beim Erwachen schon.“1
Agnes Miegel
1879 – 1964
Warendorf
Literatur/Dichtung
Agnes Miegel, die Tochter eines Königsberger Kaufmanns, wandte sich nach der Ausbildung zur Säuglingsschwester in Berlin 1899/1901 und der Tätigkeit als Erzieherin in England 1902/03 ganz dem literarischen Schaffen zu. 1907 gelang es ihr, sich mit Veröffentlichungen von Balladen und Liedern in der Literaturszene zu etablieren. In ihren sentimentalen Gedichten und archaisch anmutenden Erzählungen verklärte sie ihre ostpreußische Heimat hymnisch. Ihre Beiträge für deutschnational orientierte ostpreußische Zeitungen fanden eine breite öffentliche Resonanz, sie wurde nach dem Ersten Weltkrieg zur „Stimme Ostpreußens“. In dieser Zeit hatte sie auch Kontakte zur sozialistischen Frauenbewegung. Deren finanzielle Förderung lehnte sie allerdings ab: „Ich kann nicht bei rechts angestellt sein und mich von links aushalten lassen.“ 1924 verlieh ihr die Universität Königsberg die Ehrendoktorwürde.
1933 fiel Agnes Miegel die Rolle zu, die Dichtung des „Dritten Reichs“ zu verkörpern, denn ihre ost- und altpreußische Thematik passte in die NS-Blut- und Boden-Ideologie. Die HJ umgab sie mit Verehrung, während sie selbst der NS-Frauenschaft (1937) und der NSDAP erst 1940 beitrat. Neben vielfältigen Ehrungen stiftete die Amtsleitung der NS-Kulturgemeinde eine Agnes-Miegel-Plakette. Miegels Bewunderung für Heine und Werfel sowie Freundschaften mit jüdischen Familien hielten sie nicht davon ab, verklärende Hymnen auf den Krieg und Hitler zu verfassen. Ende Februar 1945 musste sie die Flucht aus Königsberg antreten und erreichte schließlich mit einem Flüchtlingstransport Westfalen-Lippe.
Agnes Miegel reklamierte nun für sich, eine unpolitische Dichterin zu sein, erzielte mit ihren Büchern weiterhin hohe Auflagen und wurde ausgezeichnet. Ihre Lesereise 1949 nach Warendorf fand große Resonanz. Über ihren Besuch schrieb sie einen Essay und widmete später der Stadt mehrere ihrer Werke wie die 1952 geschaffene „Hymne an Warendorf“, die 1954 im Rahmen eines großen Musikfestes zur Uraufführung kam. 1959 wurde die Kreisstadt zum Stiftungsort für die Agnes-Miegel-Plakette, die bis 1993 für Verdienste um die ostdeutsche Kultur und die Integration der Vertriebenen verliehen wurde. Neben Straßennamen im Kreis erinnert eine Bronzetafel am Warendorfer Rathaus an sie.
Agnes Miegels literarische Bedeutung und ihre Stellung in der deutschen Literaturgeschichte waren nach ihrem Tode 1964 umstritten. Mitte der 1980er Jahre entspann sich in Warendorf eine lokalpolitische Kontroverse um ihr Andenken. In ihrer Heimat, im nördlichen Ostpreußen, erlebte ihr Werk seit der Wende 1989 unter der dortigen russischen Bevölkerung eine Renaissance, was bei deutschen Beobachtern, je nach politischem Standort, Überraschung bis Irritation auslöste.2
Jürgen Gojny
1 Mit diesen Worten ehrte die ostpreußische Dichterin Agnes Miegel Warendorf 1952. In: Kreisheimatverein Beckum-Warendorf (Hg.), Jahrbuch des Kreises Warendorf 2008, S.160.
2 Ausführlicher auch: Jürgen Gojny, Agnes Miegel. In: Spuren. Beiträge zur Familienforschung. Münster, April 2008 und ders.: Agnes Miegel und Warendorf. In: Münsterland, Jahrbuch des Kreises Warendorf 2009, Warendorf 2008
„Mein Schloss, mein Leben…“
Anna von Ketteler zu Neu-Assen und Schulenburg
* 1572
Wadersloh
Kunst/Architektur
Schloss Crassenstein, Diestedde
Abb.: Illustration aus: Die Rittergüter der Provinz Westfalen. Hg. von Fr. W. Freiherr von Schorlemer-Heringhausen, Paderborn 1837/40
Anna von Ketteler zu Neu-Assen und Schulenburg wuchs mit ihren Schwestern Odelia, Cornelia, Elisabeth und Eva im elterlichen Schloss Assen in Lippetal auf. Gemäß dem damaligen Rollenverständnis zielte die Erziehung der adligen Töchter auf eine ebenbürtige Heirat hin. Entsprechend wurde Anna 1598 mit Franz III. von Wendt zu Crassenstein verheiratet, der in der heimatkundlichen und kulturgeschichtlichen Literatur häufig als „Erbauer“ von Schloss Crassenstein genannt wird, wobei vermutlich der Impuls für einen Neubau von Anna ausgegangen war. Sie ergriff nach ihrer Heirat mit einem Schlossneubau in Diestedde eine der wenigen Möglichkeiten, ihr Lebensumfeld nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Zum adeligen Lebensstil gehörte ein repräsentatives Wohngebäude, das Herrschaftsanspruch und Machtstellung nach außen andeutete, aber auch dem inneren Wirkungsbereich der Hausherrin eine gewisse Noblesse verlieh. Vorbild war zweifellos das elterliche Schloss Assen. 1564 hatte Laurenz von Brachum, einer der herausragenden Architekten der Weserrenaissance, im Auftrag des Goswin von Ketteler mit dem Bau der bis heute erhaltenen unregelmäßigen Mehrflügelanlage auf Assen begonnen, das mit plastischen Ziegelornamenten reich wie in einem Musterbuch der damals geläufigen Schmuckformen ausgestattet ist. Diese Anlage, die 1653 in den Besitz der Familie von Galen überging, formte gewiss Annas ästhetische Vorstellungen eines adäquaten Wohn- und Lebensbereichs, wie sie sich ihn auch für ihre neue Umgebung, dem Sitz der Familie von Wendt zu Crassenstein, wünschte.
So war auch ursprünglich Schloss Crassenstein, dessen Bau erst im Jahr 1636 fertiggestellt werden konnte, mit Backsteinornamenten in Form von Rauten und Kreisen dekoriert. Dieser plastische Fassadenschmuck war Ausdruck des typischen Renaissance-Charakters. In Diestedde wurden die plastischen Schmuckelemente jedoch abgeschlagen, als die Anlage 1840 bis 1845 im Stil des Klassizismus umgebaut und ergänzt wurde. Seit den 1920er Jahren ersetzen nach einem Brand mächtige Mansarddächer aus Schiefer das vormalige Dach des Schlosses, so dass heute nur noch wenig von seinem originären Charakter aus der Zeit Annas von Ketteler zu erkennen ist.
Andrea Brockmann
„…dass sie keinerlei Fesseln ertragen hätte und in jeder Beschränkung durch Ehe oder Beruf unglücklich geworden wäre!“1
Elisabeth Wibbelt
1856 – 1911
Ahlen
Landwirtschaft/Natur
Literatur/Dichtung
Elisabeth Wibbelt
So urteilt der westfälische Heimatdichter Dr. Augustin Wibbelt über seine ältere Schwester Elisabeth, die ihm Vorbild und Muse war. Aufgewachsen sind die sieben Wibbelt-Geschwister auf einem alten Hof, abseits von Vorhelm gelegen. Anders als ihr später literarisch erfolgreicher Bruder durfte die begabte Bauerntochter Elisabeth nicht studieren. „Die Pogg (Augustin) studierte unterdessen fleißig weiter und brachte uns in den Ferien immer neue, schöne Bücher mit.“2
Nach der Volksschule wurde sie zunächst einfache Magd auf dem elterlichen Hof. Obwohl 1872 eine Höhere Töchterschule in Warendorf gegründet wurde, erlaubte der Vater Lisbeth nur eine einjährige hauswirtschaftliche Ausbildung im Kloster Kalvarienberg am Rhein. Danach ging sie als Haushälterin zu Pastor Möllers, einem geistlichen Freund der Familie. Dessen Pastorat lag in Zyfflich am Niederrhein, ganz in der Nähe zu dem ihres Bruders in Mehr.
Ein Blick in das Vorhelmer Personenstandsregister der Zeit gibt einen Einblick in die beruflichen Bedingungen für Frauen ihres Standes im ausgehenden 19. Jahrhundert: Neben Tagelöhnerinnen, Mägden und Näherinnen gab es nur drei Frauen, die mehr oder weniger unabhängig leben konnten: eine Wirtin, Pastors Haushälterin und eine Hebamme. Den Möhnen im Münsterland, also den unverheirateten Töchtern auf den Höfen, und den Öhmen (unverheiratete Söhne) blieb, so regelte es das Erbrecht, zeitlebens die Grundversorgung auf dem Hof. Haupterbe war stets der älteste Sohn. Eine schmale Perspektive für die Frauen, auch für die Möhne Elisabeth!
Heiratsangebote, die an sie herangetragen wurden, schlug sie aus; auch die Bindung an ein Kloster wurde verworfen: „Seit einiger Zeit kehren immer die Gedanken an das Klarissenkloster wieder, es zieht mich dahin und doch scheint mir, ich habe nicht den Beruf, nicht die Kraft dazu.“3
In ihren Gedichten hingegen schaffte sich Elisabeth Wibbelt eine zweite, träumerische Welt der Sehnsucht. Als Pseudonym wählte sich die junge Lisbeth dabei kein geringeres Vorbild als die antike Dichterin Sappho. Während ihr Vielschreiber-Bruder vor allem mit plattdeutscher Erzählkunst und Lyrik populär wurde, schrieb Elisabeth kurze hochdeutsche Texte, heimatbezogene Natur- und Liebeslyrik, später vor allem einfache religiöse Lieder, die nur in den autobiographischen Werken des Bruders öffentlich wurden.
Vor allem mit ihrem Bruder August und seinem Freund Möllers pflegte Elisabeth zeitlebens einen regen geistigen Austausch mit gemeinsamer Lektüre. „Dabei pflegte sie ihre Pfeife zu rauchen. Sie hatte etwas Männliches und Stolzes in Geist und Charakter und war doch echt weiblich in der Reinheit und Zartheit ihres Empfindens“4, schreibt Augustin. Na, Gott sei Dank!
Elisabeth starb mit 55 Jahren in Mehr an einem Nierenleiden, das heute heilbar wäre.
Christa Paschert-Engelke
1 Wibbelt, Augustin, Der versunkene Garten, Münster 1969, 3. Auflage, S. 32
2 Kreis Warendorf (Hg.), Augustin Wibbelt, Das Plauderbüchlein und Erinnerungen von Elisabeth Wibbelt, Rheda-Wiedenbrück 1991, S. 118
3 Tagebuchnotiz v. September 1892 In: Nachlass Augustin Wibbelt, Kreisarchiv Warendorf (Hg.), Warendorf 1991, S. 482
4 Wibbelt, Augustin, Der versunkene Garten, Münster 1969, 3. Auflage, S. 31
„Herr, gib mir Seelen! Gib mir einen Beruf, in dem ich Seelen glücklich machen kann.“1
Elisabeth Tombrock
gen. Mutter Immaculata | 1887 – 1938
Ahlen
Bildung/Wissenschaft
Kloster/Kirche/Religion
Migration
Mutter Immaculata
Foto: © Archiv der Missionsschwestern von der Unbefleckten Empfängnis der Mutter Gottes Münster
Darum bat die zwölfjährige Elisabeth am 22. April 1900, dem Tag ihrer ersten heiligen Kommunion, in der Marienkirche in Ahlen – ein Ziel, an dem sie ihr ganzes Leben festhalten sollte. Elisabeth Tombrocks Leben war bestimmt von ihrem Glauben und von dem Wunsch, für andere Menschen da zu sein.
1887 in Ahlen im Schatten der Marienkirche geboren, wurde sie früh von ihrer Mutter zur Religion geführt. Deren marianische Frömmigkeit orientierte sich an der Gestalt Mariens als Mutter und Jungfrau. Das 19. Jahrhundert gilt in der Katholizismusforschung als das Zeitalter der weiblichen Frömmigkeit. Weibliche, mütterliche Tugenden wie Helfen, Heilen, Trösten und Dienen standen im Vordergrund. Höhepunkt der intensiven Marienverehrung war die Verkündigung des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis. Später würde Elisabeth Tombrock den Namen Maria Immaculata erhalten, der für sie zum Lebensprogramm werden würde.
Zunächst aber ließ sie sich als Lehrerin ausbilden, erkrankte gegen Ende der Ausbildung schwer an Kehlkopf- und Knochentuberkulose, der rechte Zeigefinger musste amputiert werden. Die Ärzte gaben ihr nur noch wenig Zeit zu leben. Sie jedoch war davon überzeugt, dass ihr die Muttergottes in Lourdes helfen würde. Und wirklich – 1909, am Fest Mariä Himmelfahrt, erlebte sie ihre wundersame Heilung. Kurz darauf erreichte sie ein Brief von Bischof Bahlmann, der für die Mission in Brasilien eine deutsche Ordensfrau mit pädagogischem Geschick suchte und von Elisabeths Wunsch, Klarissin zu werden, erfahren hatte. Sofort sagte Elisabeth zu. War das nicht genau die Kombination von Beruf und Berufung, die sie sich gewünscht hatte? 1910 wurde sie im Klarissenkloster in Münster als Klarissin von der Unbefleckten Empfängnis eingekleidet.
Ihre Reise führte sie 1910 nach Santarem am Amazonas, dort schuf sie das Fundament für eine neue Ordensgemeinschaft, bildete Novizinnen aus und unterrichtete den Katechismus. Bei einem Heimataufenthalt sammelte sie Spenden sowohl für Santarem in Brasilien als auch für das geplante Lourdeskloster in Münster, das die erste Niederlassung in Deutschland wurde.
1916 bestimmte der Papst Schwester Immaculata zur Oberin der neuen Gemeinschaft in Santarem. Seit 1929 heißt die Kongregation Missionsschwestern von der Unbefleckten Empfängnis der Mutter Gottes. Obwohl Schwester Immaculata schwer herzkrank wurde und ab 1922 ihr Krankenzimmer nicht mehr verlassen konnte, leitete sie den Orden bis 1936. Zwei Jahre später verstarb sie nach langer Krankheit in St. Bonaventure in den USA. Heute leben Schwestern aus Elisabeths Orden in Brasilien, den USA, Namibia, Taiwan, auf den Philippinen und in Deutschland – zum Beispiel im renovierten Lourdeskloster an der Frauenstraße in Münster.
Ulrike Rossi-Epke
„…wenn mein Wagen wieder läuft“1
Dr. Frieda Schwarz
geb. Bahl | 1887 – 1954
Ostbevern
Politik/Verwaltung
Recht/Rechtlosigkeit
Frieda Schwarz als leidenschaftliche Autofahrerin
Foto: © Archiv des Heimatvereins Ostbevern
In Ostbevern nannte man sie allgemein die Doktersche, die Juristin Frieda Schwarz. 1994, vierzig Jahre nach ihrem Tod, widmete man ihr dort eine Straße, um an ihre Verdienste für Ostbevern gegen Ende des Krieges und in den ersten Nachkriegsjahren zu erinnern.
Zunächst wollte die junge Frieda Bahl Schauspielerin werden, verließ ihre Heimat, den Westerwald, und verbrachte die Zeit des Ersten Weltkriegs in Kalifornien. Zu Beginn der zwanziger Jahre kehrte sie nach Deutschland zurück, studierte Jura in Köln, promovierte in Leipzig und ließ sich nach ersten beruflichen Erfahrungen im Jugendgerichtswesen 1932 in Berlin als Anwältin nieder. Im gleichen Jahr heiratete sie den verwitweten Juristen Dr. August Schwarz, der 1929 beim Oberlandesgericht Hamm zum Senatspräsidenten ernannt worden war, und beantragte ihre Zulassung beim Amtsgericht Warendorf und beim Landgericht Münster.
1944 wurde das Ehepaar Schwarz nach Ostbevern evakuiert – wohl eine glückliche Fügung für das Dorf: Frieda Schwarz war es offensichtlich zu verdanken, dass es Ostern 1945, als der Ort bereits den US-amerikanischen Truppen übergeben worden war, nicht zur Katastrophe für das Dorf kam. Dank ihrer Sprachkenntnisse, ihren Erfahrungen und ihres Verhandlungsgeschicks konnte sie weitere Kampfhandlungen verhindern, vielen Ostbevernern die Kriegsgefangenschaft ersparen, die standrechtliche Erschießung des Dorfpolizisten sowie die Zerstörung des Schlosses Loburg abwenden. Mit List und Einfallsreichtum, so wird erzählt, habe sie einem Erkrankten Pusteln aufgemalt, vor einer ansteckenden Krankheit gewarnt und so betrunkene und randalierende Soldaten von der Loburg vertrieben.
Mit ihrem mutigen Einsatz in den letzten Kriegstagen gewann die Juristin das Vertrauen der Militärregierung, die Frieda Schwarz gemeinsam mit einer weiteren Frau – Maria Pellmann – als erste Frauen überhaupt in den Gemeinderat in Ostbevern bestellte. Darüber hinaus wurde Frieda Schwarz zur Vorsitzenden des Berufungsausschusses für Entnazifizierung im Regierungsbezirk Münster ernannt.
Ihre juristische Dissertation über „Das Handgepäck des Eisenbahnreisenden“ steht noch heute in der Bibliotheca Albertina in Leipzig. Ihre persönliche Vorliebe war – bezogen auf den Titel ihrer Doktorarbeit – aber offensichtlich eine andere: Tante Frieda sei eine begeisterte Automobilistin gewesen, erinnert sich ihre Nichte Gisela. Frieda Schwarz ging nicht nur mit der Zeit und ihren Herausforderungen, sondern war alles in allem wohl eine couragierte Frau, die das Steuer gern selbst in die Hand nahm.
Christa Paschert-Engelke
1 Postkarte an die Nichte Gisela. In: Archiv des Heimatvereins Ostbevern
„…die Bienen kommen immer zuerst.“
Maria Schratz
geb. Sander | * 1938
Drensteinfurt
Landwirtschaft/Natur
Maria Schratz
…noch vor Haushalt und Familie, vor dem Museum und vor den Pferden. Honig ist nicht nur das Lebenselixier ihrer Bienen, sondern auch das der Imkerin Maria Schratz.
In ihrem Heimatort Drensteinfurt hat sie vor 10 Jahren aus eigenen Mitteln ein privates, öffentlich zugängliches Bienenmuseum aufgebaut, das einzige im Kreis Warendorf. Für den Bestand konnte sie auch auf Gerätschaften aus vier Generationen Bienenzucht in der eigenen Familie zurückgreifen. Jetzt schwärmen nicht nur die Bienen zu ihrer ‚Beute‘ (Bienenwohnung) zurück, sondern seit Jahren im Sommer Schulklassen, Imkervereine, Gruppen und Naturfreunde und seit kurzem auch die Radler vom Werseradweg in Dat kleine Immenhuisken, das neben dem Wohnhaus der Familie Schratz steht. Denn Aufklärung tue Not, Parasiten wie die Varromilbe, Klimawandel und unser radikaler Umgang mit der Natur bedrohten die Bienenvölker.
Seit fast 45 Jahren ist Maria Schratz Imkerin, vielfach ausgezeichnet mit der Silbermedaille des Deutschen Imkerbundes (D.I.B.), Honigprüferin, Bienenseuchensachverständige und Lehrlingsbetreuerin. Mit Honig, Kerzen und anderen verwandten Produkten ist die 70jährige weiterhin auf Wochen- und Bauernmärkten unterwegs. Heute versorgt sie noch 20 Völker. Doch anders als im Bienenstaat, wo die weiblichen Tiere neben der Königin den größten Anteil im Volk darstellen, haben die Frauen in der Imkerei bis ins 21. Jahrhundert eine eher geringe Bedeutung. Weniger als 5% der Imker sind Frauen. Maria Schratz erinnert sich, wie schwer es für sie als eine der wenigen Frauen zu Beginn der Ausbildung war. Stattdessen finden sich feingestickte Bienenmotive für Fleiß und Unermüdlichkeit im weiblichen Kontext. „Erst die Biologinnen, die zu den Bienen forschten, haben den Frauen in der Bienenkunde einen Platz gegeben.“ Heute wirbt der D.I.B. verstärkt um Frauen, ist man doch nicht nur um den Bienenbestand bemüht, sondern auch um den Nachwuchs in der Imkerei – wie bei Familie Schratz, in der auch Marias Kinder die Bienenzucht weiterpflegen.
Neben den kleinen, sechsbeinigen Tieren gehört Maria Schratz‘ Liebe auch großen Vierbeinern: Seit mehr als 30 Jahren trainiert die ausgebildete Voltigierlehrerin vor allem Kindergruppen, und auch hier erhielt sie bereits etliche Auszeichnungen. „Pferde und Bienen gehörten in der Imkerei schon immer zusammen; brachten die Imker mit Pferdegespannen doch stets die Bienenkörbe von einer Sammelstelle zur nächsten.“ Die Bienen von Maria Schratz hingegen haben einen festen Standort – vor Ort und in ihrem Herzen.
Christa Paschert-Engelke
„Ärztin mit Leib und Seele“
Hildegard Rotthege
1919 – 2013
Everswinkel
Medizin/Pflege
Hildegard Rotthege
Elf Mädchen und drei Jungs waren sie bei ‚Rottheges‘ auf dem großen Hof zwischen Everswinkel und Freckenhorst mit den fetten Weiden und den großen Viehbeständen gewesen. Hilde war die zwölfte. Sie und noch zwei Geschwister machten Abitur. 1940 fing Hilde mit dem Medizinstudium in Münster an. Zwanzig Prozent der Studierenden waren Frauen. 1958 schraubte sie ihr glänzend weißes Emailleschild am Prinzipalmarkt in Münster, dort wo heute die Westfälischen Nachrichten sind, an die Hausmauer: Dr. Hildegard Rotthege, Fachärztin für Frauenkrankheiten und Geburtshilfe, alle Kassen. Die Praxis lag im ersten Stock. Zuvor hatte sie als Assistentin von Dr. Wesener, zunächst in Maria Frieden in Telgte, dann später in Weseners Privatklinik am Aasee gearbeitet. Nach seinem plötzlichen Tod öffnete sie 1956 ihre eigene Praxis, zunächst in ihrer Privatwohnung – typisch für unverheiratete Ärztinnen in der damaligen Zeit. Und sie arbeitete allein – eine Sprechstundenhilfe konnte sie nicht bezahlen. Nach eineinhalb Jahren erhielt sie endlich die begehrte Kassenzulassung. Frauen mussten darauf meist deutlich länger warten als Männer, nicht zuletzt da die Ärztekammer und auch der Zulassungsausschuss ausschließlich aus Männern bestanden.
Frau Doktor war die erste Frauenärztin in Münster, und sie war erfolgreich. Nach fünf Jahren zog sie weiter in die Bogenstraße, trennte Arbeiten und Wohnen, stellte eine Arzthelferin ein. Manchmal hatte sie 50 bis 60 Patientinnen am Tag, dazu Hausgeburten. Ärztin war sie mit Leib und Seele. Sie wollte jeder Patientin gerecht werden, was oft bedeutete, viel Zeit für die einzelnen zu haben statt teurer Apparate. An der Bogenstraße blieb sie bis Ende 1984 – fast 40 Jahre war sie Ärztin gewesen. Mit der neuen Generation der Medizintechnik wollte sie nichts mehr zu tun haben.
Fast wäre sie von ihrer beruflichen Laufbahn abgekommen. Als ihr Bruder sich nach dem Krieg in Freckenhorst als Tierarzt niederließ, wollte die Mutter, dass Hilde ihm zur Hand ging. Zu ihrem Glück heiratete der Bruder ihre beste Freundin, auch eine Ärztin – und Hildegard konnte mit ihren Assistenzjahren im Franziskus-Hospital in Münster beginnen.
Christa Paschert-Engelke
„…ein jungfern kloster und darin Roswindis kayers Caroli magni schwester“1
Roswindis von Liesborn
Die Heilige Roswitha | 8. bis 9. Jahrhundert
Wadersloh
Kloster/Kirche/Religion
Bronzerelief, vom Heimatverein Liesborn für die Turmkapelle gestiftet
Foto: © Andrea Brockmann
799 gründete Karl der Große im Kirchspiel Liesborn ein Kanonissenstift, stattete das Kloster mit kostbaren Reliquien aus, die der Frankenkönig gemeinsam mit Papst Leo III. nach Liesborn brachte, und setzte als erste Äbtissin des Liesborner Frauenkonvents seine Schwester Rotswindis ein. So will es zumindest die Tradition, die Legende, der Volksglaube. Doch einen urkundlichen Nachweis gibt es nicht, die „Fakten“ stammen allesamt aus der klösterlichen Memorialüberlieferung. Auch ist eine Schwester Karls mit diesem Namen nicht bekannt, die edle Abkunft aus der stirps Karolina ist also eher fragwürdig. Nichtsdestotrotz führte die überragende Rolle, die Karl dem Großen bei der Gründung Liesborns zugeschrieben wird, und die verwandtschaftliche Einbindung der ersten Äbtissin Rotswindis dazu, dass das Kanonissenstift und spätere Benediktinerkloster als eines der ersten und vornehmsten des Reiches gelten sollte. Und bis heute ist Rotswindis, die als Heilige Roswitha mit dem Patronatsfest am 29. April verehrt wird, fest im Heiligenkalender und im kulturellen Gedächtnis verankert.
Nach der Klosterchronik von 1587 wurde Rotswindis „sub turri parochiae“ begraben, an jener Stelle, wo die zwölfte und vorletzte Äbtissin des Kanonissenstifts Liesborn, Oderadis, später, um das Jahr 1100, einen steinernen Turm mit Kapelle errichten ließ. Die zuvor nicht überbaute Grablege der Rotswindis war vermutlich der Anlass für den Turmbau. Bei Ausgrabungen im Jahr 1980 stieß man in der Turmkapelle auf ein sehr tief gelegenes Grab. Das darin liegende Skelett könnte das der ersten Äbtissin sein, es wurde bei den Ausgrabungen aber nicht näher untersucht und befindet sich heute noch an der aufgefundenen Stelle. Ein Bronzerelief an der Kapellenwand erinnert an die nach wie vor innig verehrte „Gründerin“ von Liesborn.
Andrea Brockmann
1 Janssen, Johann, (Hg.), Die Geschichtsquellen des Bisthums Münster, Band 3: Die Münsterischen Chroniken, Münster 1856, S. 299
„Weiter so, gleich hast du’s!“
Johanna Rose
1897 – 1965
Ahlen
Bildung/Wissenschaft
Soziales Engagement
Johanna Rose
Mit diesen Worten motivierte die Sonderschullehrerin Johanna Rose immer wieder ihre Schüler. Stets schaffte sie es, ihnen Mut zu machen und sich ihnen liebevoll zuzuwenden.
Nach Abschluss ihrer ersten Lehrerprüfung in Paderborn im Jahre 1917 hatte sie in Bonn Psychologie studiert und wollte promovieren. Aber der Tod des Vaters zwang sie, diese Pläne aufzugeben und als Lehrerin zu arbeiten. Weil sie sich ganz besonders den lernschwachen Schülern widmen wollte, bildete sie sich zur Hilfsschullehrerin fort und legte 1922 in Essen eine entsprechende Prüfung ab. Von da an arbeitete sie an einer Bottroper Hilfsschule.
1937 wurde sie nach Ahlen strafversetzt, weil sie sich an ihrer früheren Arbeitsstelle für die katholische Bekenntnisschule eingesetzt hatte und nicht bereit gewesen war, dem nationalsozialistischen Lehrerbund beizutreten. <br>
Als sie 1937 nach Ahlen kam, setzte sie ihre Tätigkeit an der Pestalozzi-Schule fort. Während des zweiten Weltkriegs leitete sie die Schule. Nach dem Krieg nahm sie bereits im September 1945 als einzige Lehrerin mit 44 Schülern den Unterricht wieder auf. Tatkräftig erbat Johanna Rose in dieser schwierigen Zeit für ihre Schüler Mehl, Kartoffeln, Rüben und ab und zu Butter von den Bauern aus der Umgebung Ahlens. Außerdem schaffte sie es, von der Zechenleitung Kohlen für den Ofen der Schule zu organisieren, so dass ihre Schüler wenigstens während des Unterrichts weder frieren noch hungern mussten. Für viele Kinder war es in dieser Zeit die einzige Mahlzeit am Tag.
In ihrem weiteren Schulleben war ihr die Betreuung der Junglehrer, die Zusammenarbeit mit den Eltern und karitativen Einrichtungen besonders wichtig. Johanna Rose war Lehrerin aus Leidenschaft, sie ging ganz in ihrem Beruf auf: „Sie war ein kluger Mensch und besaß die Fähigkeit, verworrene Dinge richtig zu beurteilen. Sie hatte ein selbstloses liebendes Herz. Ihre Kinder waren ihr ins Herz geschrieben.“1
Sie setzte sich unermüdlich und ohne Rücksicht auf ihre eigene Gesundheit für die Belange der Sonderschule ein. Auch nach ihrer Pensionierung 1960 fühlte sie sich ganz mit der Schule verbunden und klagte ihrer Nachfolgerin: „Ohne Schule ist das Leben nichts!“
1965 verstarb Johanna Rose in ihrem Geburtsort Borgentreich. Zwölf Jahre später erhielt die Pestalozzi-Schule in Erinnerung an ihre ehemalige Lehrerin den Namen Johanna-Rose-Schule.
Ulrike Rossi-Epke
1 Fischer, ehemalige Kollegin am Gymnasium St. Michael
„…ich arme betrübte und swangere Fraue… mit dem greulichen Laster der Zauberey besudel…“1
Else Rode
* 1617
Sendenhorst
Gewalt
Recht/Rechtlosigkeit
Abb. Auszug aus den Prozessakten
Am 3. November 1617 wird der Fall Else Rode in der Stadt Sendenhorst, in der damals ca. 1000 Menschen lebten, aktenkundig. Wenige Jahre nach dem Prozess gegen Else Rode erreichen die Hexenjagden, die sich auch in den Nachbarorten Ahlen, Albersloh, Hoetmar und Warendorf ereigneten, schließlich einen ihrer Höhepunkte. Es ist eine Zeit großer sozialer Unsicherheiten. Missernten, Seuchen und Kriege versetzen die Menschen in ganz Europa in existentielle Angst und Schrecken. Aus Mangel an Erklärungen und zum Teil auch als Möglichkeit, sich an unliebsamen Nachbarn zu rächen, wurden diese Katastrophen häufig auf Schadenszauber zurückgeführt. Diese Begründung führte schließlich seit dem 16. Jahrhundert zur Verfolgung von mehr als 70.000 Menschen als Zauberer und Hexen, zu denen in der Mehrzahl Frauen gehörten, die ohne Unterschied von Stand und Rang Denunziationen, Folterungen und dem Tod ausgesetzt waren.
Auch die Sendenhorsterin und Hausbesitzerin Else Rode gehört zu diesen Verfolgten und verliert in einem sogenannten Hexenprozess ihr gesamtes Vermögen. Laut Zeugenaussagen habe die Beklagte sich „mit dem greulichen Laster der Zauberei besudelt“ oder „habe zum wenigsten dermassen starken verdacht auf sich geladen“, dass ihr der Prozess gemacht werden sollte.
Die genauen Vorwürfe lassen sich aus den Akten nicht mehr feststellen, dürften sich aber im üblichen Rahmen bewegen: Angeklagt wurden die meisten Frauen als Hexen unter dem Verdacht des Schadenszaubers, z. B. Kinder oder Vieh vergiftet zu haben, der Teufelsbuhlschaft, dem Pakt mit dem Teufel oder der Teilnahme am Hexensabbat. Welche tatsächlichen Interessen die sogenannten Zeugen mit der Verleumdung verfolgen, ist nicht mehr nachvollziehbar.
Fest steht, dass Else Rode zur Zeit ihrer Verhaftung schwanger ist, der Vater des Kindes in den Prozessakten jedoch nicht auftaucht. Die Winterzeit steht bevor, die Haftbedingungen sind hart und unmenschlich. Da das Gefängnis nicht fluchtsicher ist, wird sie wie die anderen Gefangenen angekettet und muss die letzten Schwangerschaftsmonate in eisernen Fesseln „ahm Halse, Hende unndt Füeße“ verbringen. Caspar Schenckinck, Stadt- und Gorichter, lehnt eine Hafterleichterung ab, sodass Else Rode sich zweimal an den Bischof von Münster wendet, er möge doch befehlen, dass sie wegen der bevorstehenden Niederkunft von den „Eisenbanden“ und dem „Gefencknisse“ befreit werde.
Man wartet die Geburt ihres Kindes ab, das sie Ende Januar 1618 zur Welt bringt, um sie dann drei Wochen später „hochnotpeinlich“, das heißt unter der Folter zu befragen. Nach neun Monaten Gefängnis und mehrfacher Folter wird sie zuletzt ohne Geständnis „der Hafft erlassen und des Landes demnegst verwiesen“, wobei man ihr obendrein noch die Kosten des Verfahrens wie ihre Unterbringung im Gefängnis und das Geld, das der Scharfrichter für jede Tortur erhält, in Rechnung stellt. Mit diesem Urteil entgeht sie zwar dem Scheiterhaufen, aber eine mittellose Frau mit einem Säugling für immer des Landes zu verweisen kommt – am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges – einem Todesurteil gleich.
Christa Paschert-Engelke
1 StAM AV Msc. Nr. 317