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„Ich habe gelernt zu sagen, was ich will.“

Gisela Bruns

geb. Demees | * 1946

Beckum

Gewalt
Soziales Engagement

Foto: Spiggelkötter-Fotografie

Ihre ledige Mutter brachte Gisela Bruns nicht in Beckum zur Welt, sondern in einem Mutter-Kind-Heim in Rheine. Der Vater bekannte sich nie zu ihr. Mit einem halben Jahr wurde sie von einer 44jährigen kinderlosen Soldatenwitwe in Beckum aufgenommen. Giselas Kindheit und Jugend verlief zwischen diesen beiden Müttern: Auf der einen Seite die leibliche Mutter, von der sie sich nicht geliebt fühlte, die nur sporadisch auftauchte, drohte sie mitzunehmen in ihr Zuhause in Belgien. Auf der anderen Seite die Pflegemutter, bei der sie viel Fürsorge erfuhr, die ihr aber stets Dankbarkeit abverlangte. Das Geld war knapp, an den Besuch des Gymnasiums trotz Empfehlung nicht zu denken. Gisela ging in die Höhere Töchterschule, das Schulgeld wurde ihr erlassen. Dafür verlangten die Nonnen kritiklosen Gehorsam und ließen sie spüren, dass sie keinen Vater hatte. Mit 15 Jahren machte sie eine Lehre als Drogistin, leitete später eine Drogeriefiliale in Bielefeld. Das war die erste richtige Gelegenheit, sich von der Pflegemutter zu distanzieren. Die Erfahrungen mit den eigenen Müttern bewogen sie, später für ihre eigenen drei Kinder da zu sein und auf eine Berufstätigkeit zu verzichten.

Ende der Siebziger Jahre besuchte sie eine Veranstaltung zum Thema Gewalt gegen Frauen – mit 40 anderen Beckumerinnen. In dieser Gemeinschaft fühlte sie sich wohl. Alle waren sich einig, dass das Ausmaß der Gewalt gegen Frauen auch in der Kleinstadt Beckum immens war. Und so richtete Gisela Bruns als erste Hilfsmaßnahme zusammen mit anderen Frauen ein Notruftelefon ein. „Es gab so viele Dinge, die nicht bedacht waren“, staunt sie heute über ihre Naivität, aber auch über den Idealismus und Optimismus, von denen die Arbeit von Anfang an geprägt war. Schnell wurde klar, dass eine wirkungsvolle Hilfe nur mit einer professionellen Einrichtung möglich war.
1986 wurde der Verein Frauen helfen Frauen Beckum e.V. gegründet, im Jahr darauf die Frauenberatungsstelle. Von da an wird bis heute mit Stadt, Land und anderen Geldgebern um die Finanzierung gerungen.
Als Vorsitzende des Vereins kämpfte sie an vorderster Front. „Dadurch, dass es um die Sache ging, bin ich immer sicherer geworden“, beschreibt sie sich heute. Und: „Ich war immer diejenige, die gesagt hat, es geht weiter.“ Der Erfolg gibt ihr Recht. Die Frauenberatungsstelle und die Kontaktstelle gegen sexualisierte Gewalt sind heute anerkannte Einrichtungen.

Nach dem 20-jährigen Vereinsjubiläum hat Gisela Bruns 2006 den Vorsitz weitergegeben. Ihr Engagement ist geblieben. Ihren zweiten Beruf als Altenpflegerin übt sie heute nicht mehr aus, betreut stattdessen ehrenamtlich alte Menschen, die ihre Wohnungen nicht mehr verlassen können.


Gaby Trampe