• Suche nach Orten

  • Suche nach Themen

  • Auswahl löschen
93 Ergebnisse
Seite 5 von 10

„Schwester mit Mutterherz“

Frieda Bohlke – genannt Schwester Justilla

1913 – 2002

Beelen

Kloster/Kirche/Religion
Medizin/Pflege

Abb.: v.l.n.r. Ärztin Dr. Ursula Beck, Schwester Justilla, Gemeindedirektor Heinz Maibom

Die Rede ist von Frieda Bohlke aus Hausstette bei Oldenburg, die sich unter der Herrschaft des Naziregimes als junge Frau entschloss, am 11. Januar 1938 dem Orden der Clemensschwestern beizutreten – zwei Jahre zuvor war ihre im Jahre 2001 selig gesprochene Mitschwester Euthymia (Emma Üffing) auch dort eingetreten. Aus Frieda Bohlke wurde Schwester Justilla.
Als Clemens August Droste zu Vischering, Kapitularvikar des Bistums Münster, 1808 die Genossenschaft der Barmherzigen Schwestern gründete, sah er ihren Wirkungskreis zunächst in der häuslichen Krankenpflege. 1820 übernahm die Genossenschaft das Clemenshospital. Von da an nannte man die Ordensfrauen Clemensschwestern, ihre Aufgabe wurde die stationäre Krankenpflege.

Was bewegte die junge Frieda dazu, diesem Orden beizutreten? Spricht man mit Menschen, die sie kannten, so ist anzunehmen, dass sie bewusst einen Gegenpol in eine Welt der Not und Angst setzten wollte. Schon früh fühlte sie sich dazu berufen, anderen zu helfen. So entschloss sie sich, mit Unterstützung des Ordens die Ausbildung zur Krankenschwester zu absolvieren. 1940 machte sie ihr Examen und arbeitete von 1941 bis 1947 im Krankenhaus in Dülmen. 1947 führte ihr Weg sie in die kleine Gemeinde Beelen, wo bereits seit 1917 Clemensschwestern Kranke ambulant und dann ab 1923 im St. Elisabeth Hospital pflegten. Hier blieb Schwester Justilla über 35 Jahre. In dem kleinen Krankenhaus hatte sie viele verschiedene Aufgaben: „Schwester Justilla hat wohl in jeder Beelener Familie gewirkt“ schätzt Josef Aulenkamp, ehemaliger Bürgermeister. Hunderten von Beelener Bürgerinnen und Bürgern hat sie auf die Welt geholfen.

Was macht diese Frau nun aus? In vielen Unterlagen liest man über sie: „Sie leistete mehr, als es ihre Pflicht war.“ Doch das Entscheidende ist: Es war immer wieder zu spüren, dass Schwester Justilla ‚ihre Pflicht’ gern tat. Wer in ihr Gesicht blickte, fand strahlende Augen, die von einer tiefen Zufriedenheit und Lebensfreude zeugten. Schwester Justilla ruhte in sich selbst und empfand ihren Einsatz, egal an welcher Stelle, als positiv.
1974 wurde sie für ihr Lebenswerk mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Schlicht waren nach der Verleihung ihre Worte: „Ich nehme es an mit Dank für alle diejenigen, die mit mir hier gearbeitet haben.“ Die letzten Jahre arbeitete sie in dem 1982 in das Altenkrankenheim St. Elisabeth umgewandelten Landkrankenhaus, bis sie schließlich im März 1983 selbst in den Ruhestand ging und in das Schwesternheim in Orsoy am Niederrhein zog. Dort lebte sie noch fast 20 Jahre so, wie sie gearbeitet hatte. Ihre letzte Ruhe fand sie auf dem Friedhof am Mutterhaus in Münster.

Schwester Justilla strahlte Güte und Liebe aus und vor allem Zufriedenheit, und sie war für alle Menschen, die ihren Weg kreuzten, eine große Bereicherung.
Die letzten Clemensschwestern verließen übrigens 1987 Beelen.


Elisabeth Wiengarten

„Singen ohne Lieder kann ich mir gar nicht vorstellen. Es ist etwas Wunderbares und Schweres zugleich…“1

Elisabeth Grümmer

geb. Schilz | 1911 – 1986

Everwinkel

Musik

Abb.: Die Meistersinger von Nürnberg – Elisabeth Grümmer (Eva), Rudolf Schock (Stolzing), Metropolitan Opera New York
Foto: Ilse Buhs, Berlin

Auf dem Everswinkler Friedhof erinnert nur ein schlichtes Grab an die international gefeierte Sopranistin Elisabeth Grümmer.
Eigentlich wollte die junge Elisabeth Schauspielerin werden. Sie begann mit klassischen Rollen Ende der zwanziger Jahre beim Theater in Meinigen (Rhön) – dort, wo, ihr Vater, Bahnbeamter und leidenschaftlicher Chorsänger, seine Tochter bereits früh eingeführt hatte. Als sie Mitte der 30er Jahre den talentierten Violinisten und Konzertmeister Detlef Grümmer heiratete und schwanger wurde, schien ihre erfolgsversprechende Künstlerinnenlaufbahn vorerst zu Ende zu sein. Die Familie zog nach Aachen, wo Detlef Grümmer beim Stadttheater als Kapellmeister engagiert wurde. Elisabeth nahm Gesangunterricht und wurde von Herbert von Karajan, der dort Generalmusikdirektor war, im wahrsten Sinne erhört. Er gab ihr ein Engagement als Blumenmädchen in einer Parsifal-Aufführung. Elisabeth überzeugte und ging mit ihm ans Duisburger Theater, anschließend nach Prag. Ihre Arbeit dort endete jedoch abrupt, als ihr Mann 1944 bei einem Bombenangriff im gemeinsamen Haus in Aachen getötet wurde.

Nach dem Krieg ging Elisabeth mit Tochter Karin nach Berlin, wurde Ensemblemitglied der Städtischen Oper Berlin. Eine glanzvolle internationale Karriere als Sängerin begann. Nach Stimme und äußerer Erscheinung entsprach Grümmer damals genau dem Typ der deutschen lyrischen Sopranistin, ideal für Mozartpartien und gefühlvolle Mädchengestalten Richard Wagners.2 Sie sang die ‚Eva‘ in Wagners ‚Meistersingern‘ in Covent Garden 1951, die „Donna Anna“ in Mozarts „Don Giovanni“ 1953 und 1954 bei den Salzburger Festspielen, die „Agathe“ in Webers „Freischütz“, die „Pamina“ in der „Zauberflöte“ in Berlin, in Bayreuth die Wagner-Rollen. Ausgezeichnet und gefeiert wurde sie nicht nur als herausragende Sopranistin in den großen Opernhäusern wie der „Grand Opéra“ in Paris, der Mailänder „Scala“, der New Yorker „Metropolitan Opera“ oder dem „Teatro Colón“ in Buenos Aires, sondern auch als Liedersängerin mit Werken von Schubert, Brahms, Verdi, Beethoven, Mozart, Strauß.
1965, mit 54 Jahren, erhielt Elisabeth Grümmer eine Professur an der Musikhochschule in Berlin, unterrichtete Gesang. Mitte der 70er Jahre übernahm sie eine Professur in Paris. Ab 1977 war sie Vorsitzende der Gesellschaft der Freunde der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Berlin e.V., 1986 Ehrenmitglied der Deutschen Oper Berlin.

Nach Everwinkel kam sie manchmal – privat, um ihre einzige Tochter Karin und ihre Enkel zu besuchen. Hier, in der großen Bauerschaft Müssingen, wo sie eigentlich nicht nur ihren 75. Geburtstag feiern, sondern ihren Lebensabend verbringen wollte, währte der Aufenthalt jedoch nur kurz, nach zwei Wochen verstarb sie im Warendorfer Krankenhaus. Ihre Stimme aber bleibt – auf zahllosen Cassetten, Tonbandaufnahmen und CDs.


Christa Paschert-Engelke

1 Interview vom 1.4.1971, Berliner Morgenpost
2 Portrait in Noten: Elisabeth Grümmer, Sopran, Sendung vom 6.4.91, SFB 3, Manuskript: Gerda Zimmer

zwangsverschleppt

Efrosina S. aus der Ukraine

* 1926

Ahlen

Gewalt/Migration
Recht/Rechtlosigkeit

Foto: Kreisarchiv Warendorf, Amts- und Stadtarchiv Ahlen

Im Mai 2002 war Efrosina S. nach mehr als 55 Jahren in Ahlen zu Gast – am Ort ihres ehemaligen Zwangsarbeitereinsatzes.
Das Schicksal von Efrosina (gebürtig aus der Ukraine) steht stellvertretend für das von mindestens vier Millionen anderer zumeist osteuropäischer Frauen, die während des Zweiten Weltkrieges in das Deutsche Reich und auch in den Kreis Warendorf (etwa 7500 Zwangsarbeiterinnen namentlich bekannt) zwangsverschleppt wurden. Die Lebenssituation dieser jungen Frauen und Kinder war durch starke Reglementierungen, rassistische Diskriminierungen, geringe oder gar keine Entlohung, schlechte Ernährung und mangelnde hygienische und ärztliche Versorgung geprägt. Die damals 16-jährige Efrosina wurde für zwei Jahre in einem Ahlener Rüstungsbetrieb eingesetzt. Sie selbst beschreibt, dass die dortigen Sowjetbürger „vergleichsweise gut in einem Lager bei der Fabrik lebten“. Aber auch Efrosinas Alltag war durch schwerste körperliche Arbeit und drohende KZ-Haft geprägt. Nachdem Efrosina anderen Zwangsarbeiterinnen von ihrer relativ guten Situation berichtet hatte, wurde sie mit acht anderen Frauen in ein wesentlich größeres Lager verlegt. Dort bekamen sie fast nur noch verdorbene Möhren. Nun war sie abhängig von der Hilfeleistung durch deutsche Anwohner, denen jedoch ein Kontakt zu den sogenannten „Untermenschen“ verboten war.

Ab Juli 1944 bis Kriegsende wurde Efrosina bei einer Landmaschinenfirma in Sünninghausen eingesetzt. Dort musste sie zwar ein bestimmtes Arbeitspensum erfüllen – die Lebensbedingungen waren für sie auf dem Land aber besser, und sie hatte sogar Kontakt zu einer Vorhelmer Familie, die sich auch über das Wiedersehen 2002 freute.


Gaby Flemnitz

„Sie haben dazu beigetragen, dass das Leben unserer Senioren nicht zur Vereinsamung und Verkümmerung führte.“1

Christa Frede

geb. Boebel | 1920 – 1994

Ennigerloh

Politik/Verwaltung
Soziales Engagement

Christa Frede war auch eine erfolgreiche Hundezüchterin.

Heute ist sie aus Ennigerloh nicht mehr wegzudenken, als hätte sie schon immer hierher gehört: die Altenstube im Drubbel, deren Geschichte eng mit der Christa Fredes verknüpft ist. Den Senioren der Stadt galt ihr ganzes Engagement.
Während eines Besuches bei ihrer Schwester in den USA lernte sie das Projekt „Betreutes Wohnen im Alter“ kennen. Ihr Ziel war es, viele der Ideen, die sie dort bekommen hatte, in Ennigerloh in die Seniorenarbeit einzubringen. Intensiv studierte sie die Statistiken über die Altersstruktur der Stadt und erkannte, dass die bestehende Einrichtung eines Raumes am Marienstift den Anforderungen nicht genügte.
1969 kandidierte sie als Parteilose auf der Liste der FDP mit der Werbung „für eine Seniorentagesstätte“. Zwar wurde sie nicht in den Rat gewählt, bekam aber von der FDP einen Sitz als Sachkundige Bürgerin im Sozialausschuss und konnte so ihre Idee in den Gemeinderat einbringen. Sie hatte große Widerstände zu überwinden, ließ sich aber von ihren Plänen nicht abbringen.

„Christa Frede war eine charmante, freundliche, selbstbewusste Frau. Sie arbeitete zielstrebig und beharrlich. Sie überzeugte in ihrer Argumentation. Ihre Hilfsbereitschaft und ihr Einfühlungsvermögen für die Not ihrer Mitmenschen war bewundernswert, insbesondere ihr Gespür für die Situation älterer Menschen“, würdigte eine ihrer unmittelbaren Mitstreiterinnen sie. Mit Mitteln der Stadt und zahlreicher von ihr akquirierter Spenden gelang es ihr, eine Altentagesstätte unter der Leitung des Arbeitskreises Altenhilfe zu eröffnen. Gemeinsam mit vielen ehrenamtlichen Helfern konnte sie als Vorsitzende des Arbeitskreises ein umfassendes Programm gestalteten und viele ältere und alleinstehende Menschen vor Isolation und Vereinsamung bewahren.

1981 erhielt Christa Frede für ihre Arbeit das Bundesverdienstkreuz, welches sie aber als Auszeichnung für das ganze Drubbelhaus verstanden wissen wollte. Zu diesem Zeitpunkt bescheinigte man der Institution einen landesweiten Modellcharakter. 1980 übergab Christa Frede den Vorsitz des Arbeitskreises aus Krankheitsgründen. Vierzehn Jahre später, am 8. Mai 1994, starb sie in Ennigerloh.


Edith Barth

1 aus der Rede des Bürgermeisters Walter Tillmann anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes

„Eine Frau, die weiß, was sie will.“

Barbara Rüschoff-Parzinger

* 1962

Sendenhorst

Bildung/Wissenschaft

Barbara Rüschoff-Parzinger
© Foto: André Zelck

Die Einschätzung der Presse über Barbara Rüschoff-Parzinger, die im Winter 2007 zur Kulturdezernentin des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) gewählt wurde, spiegelt deutlich den Respekt vor ihrer zielorientierten Arbeit. Ihre These „Menschen brauchen Wurzeln“ im selben Artikel macht deutlich, woher sie die Kraft für ihren Weg nimmt.

Die 1962 in Münster geborene und lange im Sendenhorster Stadtteil Albersloh wohnende Ur- und Frühgeschichtlerin war bereits für ihre Magisterarbeit über die Archäologie im Raum Sendenhorst-Albersloh im wahrsten Sinne des Wortes der Sache auf den Grund gegangen. Während ihres Studiums in Köln und Münster zwischen 1982 und 2002 führten sie etliche Ausgrabungen in Deutschland, Israel und Namibia aus ihrem Lebensschwerpunkt im Münsterland heraus. Das Gräberfeld mit den 341 Toten von Neuwarendorf, über die sie 1996 promovierte, hat die Wissenschaftlerin dagegen im Rahmen einer archäologischen Bestandserhebung für den Kreis Warendorf bearbeitet, sozusagen vor der eigenen Haustür. Das war notwendig, denn in der Zwischenzeit hatte sie drei Kinder bekommen. Mit der Unterstützung ihrer Familie und der stärkeren Orientierung ihrer Arbeit an ihren geografischen Wurzeln ist es Barbara Rüschoff-Parzinger gelungen, Kinder und Karriere zu vereinbaren.

Nach dem Studium arbeitete sie zunächst beim Westfälischen Museum für Archäologie, wo sie maßgeblich an der Konzeption des neuen LWL-Museums für Archäologie in Herne beteiligt war, dessen Leitung sie 2003 übernahm. Beim Aufbau des Museums hat Barbara Rüschoff-Parzinger mit ihrem Team den Wunsch, Kultur und Geschichte zeitgemäß, spannend und doch inhaltsreich zu vermitteln, erfolgreich umsetzen können. Besucherrekorde und internationale Anerkennung würdigten ihr Engagement.

Als LWL-Kulturdezernentin für die Kulturabteilung des Landschaftsverbandes ist sie für die 17 LWL-Museen zwischen Ems und Ruhr zuständig.


Christiane Seitz-Dahlkamp

„Dass ich bei zwei Bewerbern den Mann nehme,
müssen Sie doch wohl verstehen.“

Annette Schücking-Homeyer

1920 – 2017

Sassenberg
Warendorf

Recht/Rechtlosigkeit
Soziales Engagement

Annette Schücking-Homeyer

Mit dieser Begründung lehnte der Präsident des Verwaltungsgerichts in Düsseldorf 1953 Annette Homeyers Bewerbung als Richterin ab, obwohl sie als Alleinverdienerin – ihr Mann studierte – für den Familienunterhalt sorgen musste. Als sie daraufhin auf ihre Planstelle am Amtsgericht in Duisburg zurückkehrte, wurde sie einem kleinen Schöffengericht vorgesetzt, da sie nach Meinung des zuständigen Präsidenten dort „im Strafrecht am wenigsten Unfug“ anrichten könnte. Überhaupt war man noch in den 50er Jahren der Meinung, dass verheiratete Frauen keine Beamtinnen sein sollten. Auch der Münsteraner Regierungspräsident schätzte „studierte Frauen“ nicht, dennoch wurde sie dort zunächst nach ihrem Studium in das Oberversicherungsamt aufgenommen und konnte als Richterin tätig werden. Schon 1948, als ihr die eigentlichen Diskriminierungen als ‚juristische Frau‘ noch bevorstanden, gründete sie gemeinsam mit einigen anderen Juristinnen den „Deutschen Juristinnenbund“ (djb).1

Bereits ihr Ururgroßvater Paulus Modestus Schücking, Ehemann von Katharina Busch, war Jurist und seiner Zeit voraus, hatte er sich u. a. bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts für die Legalisierung gemischtkonfessioneller Ehen eingesetzt. Auch ihr Vater, der Rechtsanwalt Dr. Lothar Schücking, war seinen Zeitgenossen unbequem und musste bereits 1933 seine Kanzlei in Dortmund wegen angeblicher „kommunistischer Betätigung“ aufgeben.
Annette wurde schließlich die erste Juristin in der Familie. 1938 hatte sie ihr Studium in Münster aufgenommen. Zuvor hatte sie ihr Abitur in Warendorf abgelegt. Denn obwohl die Familie Schücking ursprünglich in Dortmund wohnte, verbrachten Annette und ihre Geschwister Engelbert und Sibylle stets die Sommerschulzeit in Sassenberg, wo die Mutter den Schückingschen Hof bewirtschaftete. 1933, nach dem Verlust der Kanzlei des Vaters, zog die gesamte Familie dauerhaft nach Sassenberg. Als ihre eigenen Kinder Jan und Anja in den 50er Jahren geboren wurden, gab Annette ihren Beruf nicht auf, richtete weiter. 1965 ließ sie sich an das Sozialgericht in Detmold versetzen.

Seit ihrer Pensionierung im Jahre 1983 setzte sich Annette für vielfältige soziale Probleme ein, die bereits in ihrem Berufsalltag eine zentrale Rolle spielten. Sie initiierte z. B. den Frauengeschichtsladen in Detmold, engagierte sich gegen Gewalt an Frauen und richtete 1979 mit ihrer Schwester Sibylle das Frauenhaus in Warendorf ein. Gemeinsam mit ihr kämpfte sie in NRW dafür, dass bei Fällen „Häuslicher Gewalt“ immer von Amts wegen ermittelt werden muss. Nachdem Ende der 90er Jahre ein entsprechender Erlass herausgegeben wurde, wird seit dem 01.01.2002 dieses Recht bundesweit im Gewaltschutzgesetz geregelt.
2003 wurde Annette Schücking-Homeyer mit dem Verdienstorden des Landes NRW ausgezeichnet. Bis zuletzt widmete sich die gebildete Frau fast ganz der Erinnerungskultur, sortierte und kommentierte den großen Nachlass der Familie und wurde häufig als Zeitzeugin des 20. Jahrhunderts angesprochen.


Christa Paschert-Engelke

1 Röwekamp, Marion, Juristinnen, Lexikon zu Leben und Werk, Baden-Baden 2005, S. 378-380.

„Item de leue hillige yunffer Thiadilda was so hillich dat men des nicht vthspreken en kann“1

Thiatildis von Freckenhorst

9. Jahrhundert

Warendorf

Kloster/Kirche/Religion

„Selige Theatilda / erste Abdissin von Freckenhorst / erbitte von Gott und seiner Mutter / hülf segen und raht“
Ölgemälde, 18. Jh. mit einer Ansicht der Stiftskirche von Norden, jetzt im Altenheim Dechaneihof Freckenhorst
Foto: © Fotostudio Kaup Warendorf

heißt es von der famula Dei (Dienerin Gottes) Thiatilda, der ersten Äbtissin des Stiftes Freckenhorst, in dem zweisprachigen Legendar aus dem 15. Jahrhundert.

Das kinderlose sächsische Herrscherehepaar Geva und Everword hatte 856 an einem Ort, der vermutlich vordem eine Kultstätte des germanischen Fruchtbarkeitsgottes Fricko gewesen war, und in dessen Nähe sich wichtige Handelswege kreuzten, ein Kloster und eine Kirche gestiftet als sichtbares Zeichen neuer Herrschaftsstruktur und -kultur.
In Freckenhorst entstand eines der ersten Frauenklöster in Westfalen. Mit dem Engagement der Stifter war die persönliche Hoffnung verbunden, dass sich die adligen Jungfrauen im Kloster in ihren Gebeten für das Seelenheil des Stifters und der Stifterin einsetzten. Zu Beginn der Christianisierung in Westfalen sind bis ins 10. Jahrhundert vor allem Frauengemeinschaften gegründet worden.2

So wenig wie die Wahl des Standortes überließ man von Anfang an die Besetzung des Äbtissinnenamtes dem Zufall. Die Legende erzählt, dass die kleine Thiatilde, als sie ihrem Pflegevater Everword entgegeneilen wollte, in ein Gefäß mit heißem Wasser stürzte. Da sie unversehrt blieb, versprachen ihre Pflegeeltern, sie Gott zu weihen, und übergaben sie dem Kloster.
Über das weitere Leben der ersten Äbtissin Thiatildis ist wenig bekannt. Schon bald nach ihrem Tod wurde sie jedoch als Heilige verehrt. Ihr Todestag soll ein 30. Januar gewesen sein, zumindest wird er seit dem 11. Jahrhundert mit einem Festessen im Konvent und einer Armenspeisung begangen. An diese Tradition knüpft bis heute das sogenannte Thiatildis-Essen an.

Mit Ausbruch der Reformation im 16. Jahrhundert geriet Thiatildis zunächst in Vergessenheit, bis 1609 die Äbtissin Elisabeth von Berge die Gebeine der Heiligen ausgraben und in einer Tumba neben einem Brunnen bestatten ließ. Dem Wasser dieses noch heute erhaltenen Thiatildis-Brunnens wurde – vermutlich in Anlehnung an die Legende von Thiatildis Rettung – heilende Kraft bei Augenleiden nachgesagt. 1669 schließlich erhob Bischof Christoph Bernhard von Galen sie zur Ehre der Altäre und stiftete dazu einen kostbaren Silberschrein, der seitdem die Gebeine der Heiligen birgt. Nach unruhigen Jahrzehnten, in denen weder Reformation noch Täuferbewegung an der Klosterpforte Halt machten, wurde im Münsterland vor allem durch Thiatildis die katholische Frömmigkeit erneut belebt.


Christa Paschert-Engelke

1 Auch die liebe heilige Jungfrau Thiadilda war so heilig, dass man es nicht aussprechen kann.
Zitiert nach: Signori, Gabriela u.a. (Hg.), Das Freckenhorster Legendar, Bielefeld 2003, S. 61
2 dazu Muschiol, Gisela, „Versorgungsfälle“ oder selbstbewusste Frauenfrömmigkeit? Die Frauenklöster Westfalens im Mittelalter, In: Paschert-Engelke, Christa (Hg.), Zwischen Himmel und Erde, Münster 2003, S. 7-16

„Mein Mann kann mir nicht mehr wehtun. Ich will nur, dass meine Kinder gesund und ohne Angst groß werden können.“

Shamsa Shajjar

ca. 1972 – 2000

Ennigerloh

Migration/Gewalt
Recht/Rechtlosigkeit

Grab von Shamsa Shajjar auf dem Friedhof in Westkirchen

Shamsa Shajjar konnte keine Schule besuchen. Sie hat keine Ämter innegehabt, sich nicht beruflich in einer Männerwelt behauptet, keine Karriere gemacht. Sie lebte nur ungefähr ein halbes Jahr im Kreis Warendorf und hat in dieser Zeit doch Spuren hinterlassen.
Geboren in der türkischen Stadt Mersin, wurde sie von ihrem älteren Bruder im Alter von zwölf Jahren mit ihrem Cousin verheiratet. Er schlug und misshandelte sie von Anfang an, aber die Familie betrachtete dies als Privatangelegenheit, in die man sich nicht einzumischen hatte. Mit vierzehn Jahren wurde sie zum ersten Mal Mutter, drei weitere Kinder folgten. Die Familie zog nach Deutschland. Das Leben von Shamsa und ihren Kindern war geprägt von Gewalt, Angst und Terror durch den Mann und Vater. Sie verließ ihn, als er sie zur Prostitution zwingen wollte und als sie sich sicher war, dass ihre Familie nun diesen Schritt akzeptieren könne.
Sie ging in ein Frauenhaus im Saarland. Da sie dort nicht sicher genug war, kam sie mit ihren Kindern im Sommer 2000 ins Frauenhaus in Warendorf. Im Oktober 2000 zog sie nach Westkirchen, wenig später fand ihr Mann sie dort, und sie ging ins Frauenhaus zurück. Weil das Sozialamt nicht für zwei Unterkünfte zahlen und auch, weil sie nicht mehr davonlaufen wollte, zog sie zurück in ihre Wohnung in Westkirchen. Am Morgen des 7. Dezembers 2000 gegen 8.00 Uhr kam sie mit ihren zwei mittleren Kindern aus dem Kindergarten, wohin sie gerade das jüngste Kind gebracht hatte, als ihr Mann von hinten auf sie schoss. Er hörte erst auf, als das Magazin seiner Waffe leer war, und Shamsa Blut überströmt auf dem Bürgersteig verstarb.

Wenn ich an sie denke, denke ich nicht an Shamsa als Opfer. Ich denke an sie als Frau, die überall Freunde fand und Menschen, die sie schätzten und liebten: die Nachbarin im Saarland, die ihr half, sich in Deutschland zurechtzufinden, ihre Anwältin, die Frauen in den beiden Frauenhäusern, in denen sie Zuflucht suchte, ihre Vermieter in Westkirchen. Ich denke an sie als die kluge, sehr aufrichtige und aufrechte, ungebrochene Frau. Ich denke an ihr inniges Verhältnis zu ihren Kindern. Ich denke an sie als dem mutigsten Menschen, dem ich je begegnet bin. Ich denke an die Frau und Mutter, die mir sagte, dass ihr Mann sie eines Tages töten wird, er ihr aber dennoch nichts mehr antun könne. Sie habe nur den einen Wunsch, dass ihre Kinder ohne Angst und Gewalt heranwachsen können. Das hat sie erreicht.

Weil auch die Menschen in Westkirchen und im Kreis Warendorf Shamsa nicht vergessen wollten, hatten sie für Shamsa vor der Kirche in Westkirchen einen von der Künstlerin Brigitte Schröder geschaffenen Gedenkstein in das Pflaster eingelassen, der inzwischen aber aus unbekannten Gründen entfernt wurde.


Claudia Engelberts1

1 Die Autorin Claudia Engelberts war Ansprechpartnerin für Shamsa Shajjar im Frauenhaus.

„Frauen Warendorfs, wahret Euer gutes Recht und wählt die Frauen-Liste.“1

Clara Schmidt

geb. Willebrand | 1874 – 1949

Warendorf

Politik/Verwaltung

Clara Schmidt

1924 wurde in Warendorf der Rat der Stadt neu gewählt. Die Frauen wollten Clara Schmidt ins Parlament entsenden, aber keine Partei verzichtete auf einen Sitz. Daraufhin erstellten Warendorfer Frauen eine Frauenliste mit sieben angesehenen Bürgerfrauen, vorneweg Clara Schmidt. Nach dem Tod ihres Mannes Edmund, Oberlandesgerichtsrat in Karlsruhe, war sie in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, und engagierte sich als rührige Vorsitzende des Frauenbundes, die auch politische Themen diskutierte, wie Fragen der Mädchenschulbildung, Jugendfürsorge, Kino, Armenfürsorge, Betreuung der Wöchnerinnen und die neuen Wohlfahrtsgesetze: Es gibt gewisse Dinge, wo ein Frauenzimmer schärfer sieht, als hundert Augen der Mannspersonen!

Für die Frauenliste warb sie mit den anderen Kandidatinnen von Haus zu Haus. Bei den Frauen fanden sie viel Verständnis, die Männer knurrten oft: „Frauen gehören hinter die Kochpötte und sollen lieber auf ihre Kinder aufpassen!“ Der Stadtverordnetenvorsteher verkündete: „Solange ich im Rathaus bin, kommt kein Unterrock ins Stadtparlament!“ Die Kunde von den mutigen Frauen verbreitete sich über ganz Deutschland. Große Zeitungen brachten lange Artikel mit den Schlagzeilen: „Amazonenschlacht in Warendorf! – Da werden Weiber zu Hyänen! – Schmerz, lass nach!“ Ein Londoner Blatt titelte: „Wir beglückwünschen und grüßen die Warendorfer Suffragetten!“

Die letzten Tage und Nächte vor der Wahl waren zermürbend. Flugblätter, auf denen die Frauen lächerlich gemacht wurden, flatterten in die Häuser. Ehemänner wurden bedrängt, ihre Frauen an der Leine zu halten, und Spottgedichte mit Musikbegleitung wurden nachts vor den Häusern der Kandidatinnen gesungen. Am Wahltag, dem 4. Mai 1924, kam die Überraschung: Die Frauenliste errang vier Sitze im Stadtparlament mit Clara Schmidt an der Spitze. Auch nach Amtsantritt mussten sich die Frauen Demütigungen gefallen lassen. In der ersten Ratsversammlung erklärte der Stadtverordnetenvorsteher nach kurzer Beratung: „Ich schließe hiermit die Versammlung und bitte die Herren ins Nebenzimmer.“ Die vier Frauen wurden ausgeschlossen. Zur Fronleichnamsprozession mischten sie sich im Schwarzseidenen und mit weißen Glacéhandschuhen unter die Ratsherren, welch ein Schock! Ihr Kampf machte in ganz Deutschland Schule. Bei den nächsten Wahlen gab es schließlich Listenplätze für Frauen.
Erst 1933 legte Clara Schmidt ihr Mandat nieder – notgedrungen, da Frauen unter den Nationalsozialisten nicht mehr als Mandatsträgerinnen zugelassen waren.


Mechtild Wolff-Haunhorst

1 Auszug aus einem Wahlplakat, In: Neuer Emsbote, Warendorf vom 23.04.1924

„Vor dem Königlich Preussischen Rechts-Anwalt und Notar von Person und als dispositionsfähig bekannt erschienen der Schuster Everhard Klaverkamp und die Frau Wittwe Kaufmanns Leeser Reinhaus Malchen…“1

Malchen Reinhaus

1809 – 1883

Drensteinfurt
Sendenhorst

Kloster/Kirche/Religion

Grabdenkmal für Malchen Reinhaus mit hebräischer Schrift
Foto: © Sabine Omland

Der Kaufvertrag, den die Witwe Malchen Reinhaus in ihrer Eigenschaft als Frau des verstorbenen Synagogenvorstehers mit dem Schuster Everhard Klaverkamp am 4. Juli 1870 schloss, leitete einen neuen Abschnitt in der Geschichte der kleinen jüdischen Gemeinde Drensteinfurt ein.

Amalia Reinhaus, 1809 in Sendenhorst als Merle Löwenstein geboren, heiratet 1840 Leeser Reinhaus, den Vorsteher der jüdischen Gemeinschaft in Drensteinfurt, damals Filiale der Synagogengemeinde Werne. Bereits 1861 stirbt Leeser Reinhaus. Nach seinem Tod verlieren die Drensteinfurter Juden zunehmend an Einfluss in der Hauptgemeinde Werne. Sie gehören nicht mehr dem Vorstand an und werden nur noch als Stellvertreter in die Repräsentantenversammlung gewählt. In dieser Situation entschließt sich Malchen Reinhaus, ein hinter der katholischen Kirche gelegenes Grundstück für den Bau eines Bethauses zu kaufen. Die wenigen Mitglieder der kleinen jüdischen Gemeinschaft, sieben Familien mit 38 Personen, können nur einen Teil der veranschlagten Baukosten von etwa 1700 Talern aufbringen. So ist der von Malchen Reinhaus gezahlte Kaufpreis von 210 Talern für das Baugrundstück eine wichtige Anschubfinanzierung für das Synagogenprojekt. Als das Bethaus zwei Jahre später eingeweiht wird, haben die Gemeindemitglieder mehr als Dreiviertel der Baukosten durch eine Haussammlung bei den jüdischen Gemeinden in der Provinz Westfalen und durch eigene Beträge aufgebracht, so dass die verbleibende Zinslast für die kleine Gemeinde tragbar ist. Die Synagogeneinweihung, mit einem Ball und einem Konzert gefeiert, markiert den ersten großen Schritt der Drensteinfurter jüdischen Gemeinschaft in die Selbständigkeit, die allerdings erst 1890 formal vollzogen wird. Im selben Jahr geht auch das Synagogengrundstück durch testamentarische Verfügung der 1883 verstorbenen Malchen Reinhaus in den Besitz der jüdischen Gemeinde über.

Offenbar spielte nicht nur Malchen Reinhaus eine wichtige Rolle in der jüdischen Gemeinde. So nahm Lena Reinhaus noch 19 Jahre nach dem Tode ihres Mannes sein Stimmrecht wahr und 1925 gehörte Drensteinfurt zu den wenigen jüdischen Gemeinden, die den Frauen das aktive und passive Wahlrecht für die Repräsentantenwahlen einräumten.


Sabine Omland

1 Stadtarchiv Drensteinfurt

Seite 5 von 10